Portrait- &

Lifestylefotografie

Das Dirndl-Desaster

...oder weshalb ich nie einen Food-Blog haben werde.

Ich liebe gutes Essen! Ich liebe auch die Saisons mit ihren kulinarischen Spezialitäten - und schöne Bilder davon! Foodfotografie ist ja gerade extrem hip - sogar Coop ist mit ihrem Fooby-Magazin auf den Food-Lifestyle-Fotografie aufgesprungen. Ich finde dies eine tolle Entwicklung. Gerade vor kurzem habe ich nämlich wieder einmal ein altes Betty Bossi Kochbuch hervorgekramt, auf der Suche nach einem bestimmten Rezept (es gibt ja zwei Sorten von Menschen - die, die im Inhaltsverzeichnis nachschauen, und die anderen). Nachdem ich durch seitenweise Saucieren, in Gemüsegarnituren steckenden Peterlisträusschen und in ein gelbliches Licht getauchte Fotos von Essen geblättert hatte, war mir die Lust auf das Rezept vergangen.

Foodbloggerinnen, die ich liebe

Wenn ich die erfrischenden, inspirierenden und etwas chaotischen Rezeptfotos der jüngsten Zeit geniessen kann, fühle ich mich im siebten Himmel, bekomme einen Bärenhunger und vor allem: Lust zum Kochen. Einigen wunderbaren Foodbloggerinnen folge ich auf Instagram - ich kann ewig in deren Feed herumklicken und mir den Mund wässrig schauen! Für Das-Auge-isst-mit-Menschen kann ich folgende Instagram-Accounts wärmstens empfehlen: Die grandiose Eva Kosmas Flores (Kürbisse direkt im Feuer, Outdoor Dinnerpartys mit Freunden und sie hat einen Garten mit Hühnern, aus dem sie viele ihrer Zutaten anbaut), Natasha Sechenova von der ich leider kein Wort verstehe, da sie ihre Posts auf Russisch verfasst - aber die Bilder sind zu schön um sie deswegen nicht zu abonnieren, die Bäckerin mit dem vielleicht ästhetischsten Blick auf ihre Küche Kayley McCabe oder meiner Online-Freundin Paula von My Common Table mit ihren wunderbar einfachen und moody Fotos und tollen portugiesischen Rezepten.

Ich mache ja auch ab und zu Lifestyle-Fotos von Essen oder kleine Stillleben. Aber klar war: Ich wollte unbedingt einmal ein richtiges Rezept, eine Serie von Fotos zu einem tollen Essen aufnehmen. Diese Idee stand schon lange - aber vor Kurzem bot sich mir die Gelegenheit dazu, die ich auch gleich beim Schopf packte. Weshalb ich den Rest des Tages mit Fluchen verbrachte, werde ich euch gleich erzählen.

Beim Spaziergang am See einige Tage zuvor meinem Mann und mir aufgefallen, dass ein einzelner Strauch voll mit roten Beeren hing. Darunter standen zwei ältere Damen, die von den Beeren pflückten und sie sich in den Mund steckten. Bei roten Beeren, die an einem Strauch am Spazierweg hängen, schrillen normalerweise meine innerlichen Alarmglocken. Wir malten uns aus, dass der Abend der beiden Damen mit ziemlich langen Aufenthalten auf dem Klo verbunden sein würde. Später sahen wir jedoch noch weitere Menschen davon schnabulieren und wurden das Gefühl nicht los, dass die etwas über diesen Strauch wussten und wir nicht. Klar, dass wir uns wenig später auf Google wiederfanden, auf bislang unbekannten (vorwiegend grün gestalteten) Biologie-Seiten. Und da fanden wir die Lösung: Bei dem Strauch handelt es sich um eine Art Hartriegel, in der Schweiz "Tierlibaum", dessen Früchte "Kornelkirschen" oder eben als "Dirndl" bezeichnet werden. Dass die Beeren ausgezeichnet schmecken und sich hervorragend zu Confitüre verarbeiten lassen erfuhren wir ebenso, wie deren nachweisbar heilende Wirkung bei verschiedenen Nierenleiden.

Toll, denke ich! So eine Confi will ich machen!

Der nächste Tag ist so grau und nass, dass ich keinen Schritt vor die Tür setze, am übernächsten tobt ein Sturm, dann aber - es ist der letzte Tag vor den Ferien - der perfekte Morgen! Ein Sonnenaufgang wie im Bilderbuch, ich fahre beinahe noch im Piji mit dem Velo an den See und hoffe, dass noch Beeren übrig sind. Der Boden ist übersät damit, auch im Blätterlaub hängen noch genügend - und nun sind sie sogar richtig dunkelrot und reif! Ich sammle und sammle eine ganze Tüte voll, bestimmt ein, zwei Kilo und freue mich wie ein kleines Kind!

Zuhause angekommen, stelle ich mit Schrecken fest, dass ich überhaupt keine fancy vintage Accessoires zur Hand habe. Wie soll ich denn tolle Bilder machen mit lediglich einem weissen IKEA-Schneidebrett? Das hat man nun von der viel gelobten Spontanität - zwar ein Abenteuer, aber gut aussehen sollte es heute auch noch. Da heisst es: Improvisieren! Ich schaue in jeden Schrank, kramse in jeder Tasche, ob ich etwas finde, das mir die Geschichte zu erzählen hilft. Dann bastle ich mir aus einer kleinen Ecke mit schönem Licht, etwas Graukarton und meinem Reflektor ein kleines Tageslichtstudio. Gut - irgendwie so müsste es funktionieren. Nun muss ich mir endlich online ein Rezept als Grundlage suchen.

Waschen, schneiden, quetschen

Confitüre aus Kornelkirschen herzustellen ist eigentlich ganz einfach. Mein Rezept war folgendes:

500g Kornelkirschen, dunkelrot

500g Gelierzucker

Vanilleextrakt

Zitronensäure

1 Sieb

1 Pfanne

4 Configläser

1 Flotte Lotte

Als erstes werden die Kirschen gut gewaschen und von Stielen oder Blättchen befreit. Mit einem Glas Wasser werden sie danach etwa 10min lang gekocht, bis sie aufplatzen und noch etwas länger, bis sie völlig weich sind und das Wasser rot schäumt. Die gekochten Dirndl in die Flotte Lotte geben und passieren - so werden sie von den Kernen befreit. Das Mus mit dem Saft und dem Gelierzucker wieder in die Pfanne geben und aufkochen. Nach etwa 5min sollte die Masse eindicken und gelieren. Wenn dies soweit ist, kann man die Pfanne vom Herd nehmen und die Confitüre mit etwas Zitronensäure und Vanilleextrakt abschmecken. Vorsicht beim Probieren, die Confitüre ist sehr heiss!

Unterdessen sollte man auch die Configläser bereitgestellt und mit kochendem Wasser ausgeschwenkt haben. Die Deckel nicht vergessen!

Nun wird die Masse vorsichtig in die Gläser gefüllt, Deckel drauf, Etikett dran und voilà: Das nächste Mitbringsel für einen Besuch bei naturverbundenen oder nierenschwachen Freunden steht bereit! Die Gläser sollten bis dahin im Dunkeln und bei Zimmertemperatur gelagert werden.

Soweit die Theorie

Eigentlich alles ganz simpel. Mein Tipp: man SOLLTE wirklich eine Flotte Lotte haben! Ich wusste natürlich nicht, was das ist und ich besitze auch keine - falls euch das auch so geht: Nehmt einfach irgend ein Gerät, das man zum Entsteinen verwendet. Und eine Waage wäre auch von Vorteil. Mit normalem Kristallzucker geliert die Conftüre übrigens nicht, auch hier sollte man auf die Verwendung von Gelierzucker Wert legen - oder vielleicht einfach die Mengen nicht nur aus dem Handgelenk schätzen sondern korrekt abwägen.

Die ganze Geschichte mit dem Fluchen war vermutlich nicht ganz so schlimm, wie von mir angekündigt. Aber dass das eine oder andere Kraftwort gefallen ist würden euch die Nachbarn wahrscheinlich doch verraten. Das lag hauptsächlich an der fehlenden Infrastruktur, die dazu führte, dass ich die Beeren einzeln und von Hand entsteinen musste. Ich verbrannte mir dabei die Finger (Merke: die Steine bleiben länger heiss als die Beeren) und der Schauplatz glich einem Massaker. Überall klebriges rotes Fruchtpüree! Normalerweise ist es ein ganz schlechtes Zeichen, wenn ich zu rechnen beginne - ich habe die Überschlagsrechnung gemacht, dass wenn ich 200 Beeren habe und für jeden zu entfernenden Stein 15 Sekunden benötige, ich eine Stunde lang am Steinepulen bin. Und das Endergebnis sah dann doch eher etwas mickrig aus.

Tut es!

Ich hoffe, dass ihr eine Flotte Lotte zur Hand habt, wenn ihr diese Confiture ausprobiert - denn es lohnt sich wirklich! Sie schmeckt echt lecker und sieht so schön rot aus! Die Beeren findet ihr gratis und franko an jedem mitteleuropäischen Waldrand. Mit meinen Tipps sollte euch eine wunderbare Confiture gelingen - und wenn ihr die Tipps nicht berücksichtigt, habt ihr bestimmt eine Geschichte zu erzählen! :)

Für die Mutigen unter euch, die es wirklich probieren wollen, habe ich eine Etikette kreiert. Diese könnt ihr mit einem Klick auf den Button nach dem letzten Bild einfach downloaden, auf Klebeetikettenpapier ausdrucken und schon habt ihr ein schickes Geschenk. Eignet sich auch für alle anderen Confis.

Viel Spass und gutes Gelingen!

Hier gehts zur Etikette

Einfach das PDF auf eine A4-Seite Klebeetikette ausdrucken und Etiketten ausschneiden. Klick auf Bild:

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